Gebet und Meditation


(empfangen von A. Bodemer am 07.12.2016)

 

 

Stelle dir vor, du sitzt eng umschlungen mit deinem besten Freund auf der Kaimauer am Meer. Du fühlst dich getragen von dem warmen Licht der letzten Sonnenstrahlen. Himmel und Wasser zeichnen übergangslos ein loderndes Feuer aus kräftigem Rot-Gelb. Ihr seid mittendrin.

In dieser vertrauten Zweisamkeit erzählst du ihm den Ablauf deines Tages, was du erlebt und was du gemacht hast, wen du begegnet bist, den kurzen Plausch mit der Verkäuferin oder mit dem Nachbarn. Du eröffnest ihm deine Empfindungen, deine Freude und berichtest über die Unfreundlichkeit, die dir begegnet ist. Du erzählst, wie dich die Sonntagsfahrer genervt haben, genau wie das endlose Bellen des Nachbarhundes, aber auch von dem schönen Gespräch mit der Freundin bei einer Tasse Kaffee oder am Telefon und wie dankbar du bist, dies alles erleben zu dürfen.

Während deiner Schilderung fällt dir auf, dass du eigentlich schon etwas gereizt die Wohnung verlassen hast, denn der Morgen gestaltete sich anders als erwartet. Es fällt dir auf, dass das worüber du dich heute geärgert hast, dir schon gestern oder letzte Woche begegnet ist, ohne dich zu beeindrucken.  Heute warst du empfindlicher und empfänglicher für derartige Reaktionen. Reaktionen, die deinen Erwartungen widersprechen.

In dieser vertrauten, wohltuenden Zweisamkeit kannst du dich öffnen. Es gelingt dir, über deine Gefühle und Empfindungen zu sprechen, über das, worüber du dich freust, ärgerst oder schämst, über deine Schuld- und Armutsgedanken und über die so erdrückende Angst.

Dieser Freund hört dir unentwegt zu ohne zu urteilen. ER ist bei dir und hält dich fest. Wenn du dich freust, freut er sich mit dir; wenn du traurig bist, rückt er noch ein Stückchen näher und vermittelt „Lass dich in meinen Schoß fallen! Ich halte dich!“, ohne ein einziges Wort zu sagen. 

Um dich ist alles still. Du lauschst der Stille  und erkennst, dass doch nicht alles stumm ist. In der Stille hörst das Pochen deines Herzens: bum-bum... bum-bum. Du hörst das Zirpen der Zikaden in deinem Ohr und das Strömen der Luft, wenn sie durch Mund und Nase ein- und ausfließt.  In der Stille ist doch nicht alles stumm. Du denkst an nichts, und doch denken deine Gedanken. Sie denken über vieles worüber du nie gedacht hast. Sie denken selbstständig. Nein, sie denken die Gedanken deines Freundes, denn ihr seid eins. Er spricht zu dir ohne Worte. Er zeigt dir die gewohnten Stolpersteine, welche für dich unsichtbar geworden waren. Er zeigt dir Wege, diese zu umgehen oder zu beseitigen. Er gibt dir Antwort und zeigt dir auch die unangenehme Seite deines Ichs. Die, welche du verstecken möchtest, vor allem vor dir selbst. Diesem Freund  kannst du nichts vormachen, er kennt dich viel zu gut.

In der Stille seiner Sprache suchst du vergeblich nach einem Wort des Tadels, der Verurteilung oder Schuldzuweisung.

Lass dich fallen in den Schoß deines unsichtbaren Freundes, der dich hält wie kein Mensch es kann.

Meander